"ITIL ist kein Hexenwerk"
IT als Service, nicht als
technische Schikane - das ist der Grundgedanke des bereits seit den achtziger
Jahren definierten Standards ITIL. Auch mittelständische Unternehmen können von
dieser serviceorientierten Sicht profitieren. ebigo.de-Mitarbeiterin Daniela
Patrzek sprach mit Johannes Volckmann, Gründer der Karlsruher
Unternehmensberatung Consulting 4IT, der seit Jahren Unternehmen bei der
ITIL-Umsetzung begleitet.
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ITIL ist ja schon seit den 80er Jahren ein
Begriff. Wie kommt es, dass das Thema jetzt wieder in allen Medien
aufgegriffen wird? Und warum konnte sich der De-facto-Standard bis jetzt
doch noch nicht so richtig durchsetzen? |
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Johannes
Volckmann (Consulting4IT) |
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Johannes
Volckmann: Wir erleben aktuell einen Paradigmenwechsel in der
IT, nämlich die vom Markt und den Endkunden geforderte Entwicklung hin zu
einem "serviceorientierten IT-Dienstleister". Diese Einstellung setzt sich
aber gerade erst in Deutschland durch. Die Anwender als Kunden eines
internen oder externen IT-Dienstleisters haben heute immer mehr eine
serviceorientierte Sicht auf die Bereitstellung von IT, und keine
technische wie die IT. Der Anwender sieht den Service wie z.B. Mail oder
SAP als Unterstützung seiner Geschäftsprozesse. Dafür will er von seinem
IT-Dienstleister eine Verfügbarkeit über entsprechende SLA gesichert
sehen. Ihn interessieren keine SW, Server, Netzwerke, Switches oder USVs.
Bei dieser wichtigen Transformation von Technologien auf Service und bei
der Strukturierung der Prozesse innerhalb des IT-Dienstleisters, hilft die
Einführung von Service Management nach ITIL. |
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Wie verbreitet ist ITIL Ihrer Erfahrung nach
derzeit im Mittelstand? |
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Johannes Volckmann: Die Verbreitung im
Mittelstand ist heute noch sehr schwach. ITIL ist ja im Wesentlichen ein
Thema für die Bereitstellung von IT und damit dem IT Betrieb. Durch die
wachsende Präsenz dieses Themas in den Medien und auf Veranstaltungen,
häufen sich aber nun auch spürbar die Anfragen nach ITIL. In sehr vielen
großen Konzernen ist ITIL bereits ein gesetzter Standard und auch von dort
tröpfelt das Thema langsam nach unten. |
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Wie können Unternehmen für sich selbst
eruieren, ob sie durch ITIL Einsparungen vornehmen können. Welche
Kriterien müssen dafür erfüllt sein? Welche Fragen sollten Unternehmen
sich im Vorfeld stellen? |
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Johannes Volckmann: Inzwischen trennen sich
immer mehr Unternehmen von ihren IT Töchtern. Auch das Thema Outsourcing
gehört mittlerweile zum Tagesgespräch. Wenn ich mich als Organisation
entschließe, IT "serviceorientiert" zur Verfügung zu stellen, werde ich um
das Thema "IT Service Management" (ITIL) nicht herumgekommen. Darüber
hinaus sind erfolgreiche Organisationen "lernende Organisationen", die
sich ständig verbessern wollen, um auch morgen noch am Markt
wettbewerbsfähig zu bleiben. Es gibt hierzu ein relativ einfaches
5-stufiges Modell, das Process Maturity Modell (PMM), welches den
Reifegrad einer Organisation beschreibt. Die Stufen gehen von "Level 1"
(Initial, Adhoc Arbeitsweise, Informationen sind verteilt abgelegt, es ist
wenig beschrieben, die Technik dominiert, die Mitarbeiter wissen schon was
sie tun) über "Level 2" (Repeatable, die Prozesse sind so ausgerichtet,
dass die Qualität des Service prinzipiell wiederholbar ist), "Level 3"
(Defined; Die Prozesse sind dokumentiert, standardisiert und integriert),
"Level 4" (Managed; die Organisation überprüft die Ergebnisse und steuert
so bewusst die Qualität des Service) und "Level 5" (Optimizing; Die
Organisation optimiert die Prozesse bewusst, um so die Qualität des
Service zu steigern oder neu Services zu entwickeln). Jede Organisation
kann damit überprüfen wo sie steht, aber es hilft nur wenn man auch
ehrlich und selbstkritisch ist. Die meisten Firmen in Deutschland bewegen
sich auf "Level 1" (+/- 0,5), ca. ein Drittel auf "Level 2" und ein paar
wenige auf "Level 3". Unternehmen mit "Level 4" gibt es meines Wissens in
Deutschland keine, ein paar in einigen europäischen Ländern, mehrere in
den USA und in Indien. Intention aller Unternehmen sollte es jedoch sein,
mindestens "Level 2" oder 3 zu erreichen. Neben dem Reifegrad-Modell gibt
es darüber hinaus noch Fragebögen, welche zu jedem der ITIL
Service-Prozesse ein paar Fragen stellen, und mit deren Beantwortung man
einen ersten Eindruck seiner Service-Orientierung bekommt. Diese
Fragebögen können von uns jedem Interessenten jederzeit kostenlos zur
Verfügung gestellt werden |
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Mit welchen Kosten und welchem personellen
Aufwand sollten Unternehmen rechnen, wenn sie ihre IT-Prozesse den
ITIL-Standards anpassen? Und wie bzw. in welchen Zeitraum lassen sich
diese Kosten wieder amortisieren? |
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Johannes Volckmann: Wir sehen ITIL in
erster Linie als ein Werkzeug um bestimmte Dinge gezielt einzuführen
und/oder anzupassen. In diesem Falle also einer Organisation mittels
Prozessen und Verhaltenswiesen zu mehr Transparenz in ihren Abläufen und
Kosten zu verhelfen. ITIL ist kein Hexenwerk und auch nichts grundsätzlich
Neues. Den meisten Organisationen fehlt es jedoch an den zeitlichen und
personellen Möglichkeiten sich ernsthafte Gedanken über dieses Thema und
deren konkret Umsetzung zu machen. Außerdem verliert naturgemäß jede
Organisation mit der Zeit die Objektivität sich selbst bzgl. der eigenen
Organisation und Prozesse zu beurteilen.
Die Einführung von ITIL
Prozessen bedeutet schon eine zeitliche Investition. Pro Prozess muss man
für die Einführung je nach Unternehmensgröße schon zwischen ein und drei
Monaten rechnen
Return of Invest (ROI)
ist ja nun ein richtiges Modewort geworden. Ehrlich gesagt ist aus meiner
Sicht das Potenzial mit IT Service Management eine Organisation zu einem
professionellen Dienstleister zu entwickeln und den Reifegrad einer
Organisation weiterzuentwickeln enorm und damit eine richtige und
notwendige Investition als Bestandsschutz für die Zukunft. Außerdem
erreichen Sie eine messbar höhere Kundenzufriedenheit. Diese Faktoren
halte ich für mindestens genauso wichtig, wenn nicht wichtiger. Die
Zahlen zum ROI von ITIL schwanken, sind abhängig vom Umfang der Änderungen
und sind aus unserer Sicht häufig unseriös. Aus unserer Erfahrung liegt
der durchschnittliche ROI aber innerhalb eines Jahres |
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Wie geht ein mittelständisches Unternehmen am
besten ein ITIL-Einführungsprojekt an? Was sind die ersten Schritte?
Welche der elf Disziplinen sollten als erstes umgesetzt werden?
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Johannes Volckmann: Elementar für den
Erfolg eines ITIL Projektes ist die notwendige Unterstützung des
Managements. Denn wir reden hier nicht über das Update irgendeiner
Applikation, sondern über Veränderungen in der Organisation, von
Prozessen, Kundenzufriedenheit, Services und Verhaltensweisen der
Mitarbeiter. Um die ebenfalls wichtige Bereitschaft und Aufmerksamkeit bei
den Mitarbeitern unserer Kunden zu gewinnen, bieten wir beispielsweise
einen eintägigen Workshop an bei welchem wir in einer Mischung aus Spiel,
Diskussion, Erfahrung und Vortrag die Themen Service und ITIL vermitteln,
da wir über die Jahre gelernt haben, das man über den Bauch emotionaler
und viel besser aufnimmt als über monotone Folien-Präsentationen oder
dicke Handbücher.
Unsere Philosophie für die Einführung von ITIL
Prozessen lautet "keep it simple". Wir beginnen gemeinsam mit dem Kunden
zuerst einmal seine größten Bauchschmerzen zu identifizieren. Dort fangen
wir dann gezielt an. Der Kunde und auch seine Kunden sollen möglichst
schnell in Form von "quick wins" einen deutlichen Mehrwert von den
getroffenen Maßnahmen spüren, bevor wir dann den nächsten Schritt gehen.
Erfahrungsgemäß sind die Themen Incident Management (UHD) und Service
Level Management (SLA) die Einstiegspunkte, da sie eine direkte und damit
messbare Schnittstelle zum Kunden haben.
Aber eine Organisation
reagiert grundsätzlich empfindlich auf Änderungen. Deshalb wird das Thema
einer immer wieder diskutierten Standardisierung von ITIL nicht trivial
werden. Denn die Einführung von ITIL ist kein Vorgehen nach Schema F,
sondern jedes Mal ein kundenindividuelles Projekt. Bei einer
schematisierten Vorgehensweise kann man in einer Organisationen (das Wort
beinhaltet ja auch etwas Lebendiges) zuviel kaputt machen. ITIL soll
spürbar helfen, und kein Papierwerk für die Vitrine werden. |
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Was kann Ihrer Erfahrung nach bei der
Umsetzung schief gehen? Welche typischen Fehler begehen gerade
mittelständische Unternehmen und wie können Stolpersteine möglichst schon
im Vorfeld aus dem Weg geräumt werden?
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Johannes Volckmann: Viele halten ITIL für
ein Allheilmittel. Aber eigentlich ist ITIL nur ein Skelett, dafür ein
ziemlich stabiles und vollständiges. Aber, dass das Herz schlägt, die Arme
und Beine sich bewegen, die Augen sehen, die Ohren hören und die Haut
fühlt, ist die Aufgabe der Organisation selber.
Auch wollen viele
gleich alle Prozesse gemeinsam oder überhaupt alle Prozesse einführen.
Aber jeder Kunden braucht nur soviel Prozesse das er und seine Kunden
davon profitieren. Zuviel kann manchmal auch alles wieder kaputt
machen.
Die Einführung von ITIL bedeutet nicht, dass man nun alles
neu oder anders machen muss. Es ist nicht grundsätzlich alles schlecht
oder verkehrt was in einer Organisation läuft. Vieles was gut läuft kann
häufig auch so bleiben oder muss nur marginal an die neuen Prozesse
angepasst werden.
Weitere wichtige
Faktoren habe ich ja schon erwähnt. Der Wille der Organisation sich zu
verbessern, die Unterstützung es Managements und die Bereitschaft der
Mitarbeiter. Die Einführung von Service Management wird bestimmt durch den
Einklang von Mitarbeitern, Prozessen und Tools und zwar genau in dieser
Reihenfolge. Nach unsere Erfahrung ist das prozentuale Verhältnis dieser
drei Faktoren 60 : 30 : 10. |
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Welche Auswirkungen hat ITIL auf die
Mitarbeiter in- und außerhalb der IT-Abteilung? Wie kann sichergestellt
werden, dass der Erfolg nicht durch mangelnde Akzeptanz gefährdet
wird? |
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Johannes Volckmann: Eine wesentliche
Auswirkung hat die Einführung von ITIL bei den Kunden und damit den
Anwendern der IT-Organisation. Hier lassen sich spürbare Verbesserungen in
der Kundenzufriedenheit wie beim Umgang mit Störungen, Problemen oder
Veränderungen erzielen. Aber auch die Schnittstellen zu internen und/oder
externen Lieferanten und Partnern werden deutlich strukturierter und für
beide Seiten verbindlicher. Servicekataloge und Service Levels regeln den
Rahmen für die zu erbringenden Services.
Die Unterstützung des
Managements als wichtigen Erfolgsfaktor habe ich ja schon betont. Die
Motivation bei den Mitarbeitern zu entwickeln, da trennt sich dann auch
die Spreu vom Weizen in den Beratungsunternehmen. Hier sind die absoluten
Erfolgsfaktoren eine große Erfahrung im Aufbau und Umgang mit Service
Management (ITIL) und die Freude am Umgang mit Menschen. Dazu passt dann
auch unser Leitmotiv nach Antoine de Saint-Exupérie: "Wenn Du ein Schiff
bauen willst, so schicke nicht deine Männer aus um Holz zu sammeln,
sondern lehre sie die Sehnsucht nach dem weiten Meer."
ITIL
Prozesse müssen gelebt und sicherlich am Anfang noch punktuell begleitet
werden. Nur wenn alle einen Mehrwert spüren, werden die Prozesse auch
akzeptiert. |
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Glauben Sie, dass ITIL in Zukunft im
Mittelstand an Bedeutung gewinnen wird? Besteht für die Unternehmen heute
schon Handlungsbedarf, um wettbewerbsfähig zu bleiben? |
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Johannes Volckmann: Diese Frage muss ich
ja fast zwangsläufig mit "ja" beantworten, aber ich bin auch völlig
überzeugt davon, denn der Weg der internen oder externen IT-Betreiber wird
unausweichlich hin zu einem "serviceorientierten Dienstleister"
führen.
Zu den Ausblicken in die Zukunft lasse ich gerne
Unternehmen sprechen die sich damit sehr gut auskennen. Exemplarisch habe
ich hier aktuelle Aussagen von Gartner und der Meta Group mitgebracht.
Gartner prognostiziert: "Bis 2006 werden rund 50 Prozent der Global 2000
Unternehmen quasi als Vorreiter eine prozess- und service-orientierte IT
Organisation umgesetzt haben". Und die Meta Group glaubt: "Bis 2008 werden
die meisten Unternehmen ihre IT Bereiche in eine
service-/prozess-orientierte Arbeitsweise umgebaut haben müssen, um die
steigende Abhängigkeit der Geschäftsprozesse von der IT und die damit
verbundene wachsende Komplexität überhaupt noch effektiv einsetzen zu
können". |
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Der Diplom-Mathematiker Johannes Volckmann
leitete von 1990 bis zum Jahr 2000 diverse IT-Projekte für die Alcatel AG
und begleitete später bei COMICS Informationssysteme die Position des
Leiters Neue Technologien. Im Jahr 2001 machte er sich mit der IT-Beratung
Consulting
4IT in Waldbronn, bei Karlsruhe, selbständig und berät dort
Unternehmen vornehmlich in den Bereichen Supply Chain Management und IT
Service Management
(ITIL).
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