13.04.2007
Software-AG-Vorstand Kürpick plant Tools für eine hochverfügbare SOA - „Unser Konkurrent heißt IBM“
Darmstadt (mr) – Die Software AG übernimmt für 546 Millionen
Dollar den Mitbewerber Webmethods. Technikvorstand Peter Kürpick erläutert die gemeinsame
aggressive Wachstumsstrategie im Umfeld von serviceorientierten Architekturen (SOA) und im Business
Process Management (BPM).
CZ – Massimo Pezzini von Gartner spricht dem Management-Team
der Software AG die Erfahrung bei größeren Übernahmen ab. Wie reagieren Sie darauf?
Kürpick – Das ist eine berechtigte Anmerkung, die immer bei
solchen Deals aufkommt. Historisch gesehen hat die Software AG noch nie eine Akquise in einer
solchen Größenordnung gemacht. Auf der anderen Seite ist die geistige Nähe zwischen den beiden
Managementteams sehr groß. Sie sitzen auf ähnlichen Themen. Wir haben eine ähnliche Sicht auf den
Kunden und bewegen uns weiterhin im Bereich der konzernweiten, unternehmenskritischen Software. Ich
sehe das mit einem gerüttelten Maß an Respekt – aber reagiere nicht mit Panik.
CZ – Webmethods ist ein US-Unternehmen, die Software AG ein
deutsches. Kommt es da nicht zu kulturellen Verwerfungen?
Kürpick – Wir haben vorab Gespräche gehabt. Kulturell sehe
ich eine gute Übereinstimmung. Es macht etwas aus, dass diese Firma an der Ostküste angesiedelt ist
und nicht an der Westküste.
CZ – Was ist das langfristige Ziel hinter der Akquise?
Kürpick – Es wird eine Firma geben, die Software AG heißt und
ihren Sitz in Darmstadt hat. Es wird ein Produktportfolio geben, das im SOA- (serviceorientierte
Architektur) und im BPM-Bereich (Business Process Management) angesiedelt ist – sowie weitere
Felder, die in den kommenden Jahren dazukommen. Der SOA-Markt entwickelt sich schnell
weiter.
CZ – Sie setzen also auf Wachstum?
Kürpick – Wir haben uns das Ziel gesetzt, bis 2011 eine
Milliarde Euro Umsatz zu machen. Wenn man den Umsatz von der Software AG und Webmethods
zusammenrechnet, dann sind wir heute schon bei über 700 Millionen Euro. 2007 wird das Jahr der
Konsolidierung. 2008 arbeiten beide Unternehmen dann in integrierter Form zusammen. Dann wollen wir
einer der größten, wenn nicht der größte SOA-Integrationsanbieter werden.
CZ – Sie wollen also als nächstes Tibco anzugreifen und
danach IBM überholen?
Kürpick – Wir fangen mit Tibco an. Tibco ist, wenn man den
Gesamtumsatz nimmt, ein Stück kleiner als die Software AG und Webmethods zusammen. Was IBM an
reiner SOA macht ist natürlich deutlich mehr, als das, was wir machen. Aber das ist kein Faktor
einhundert, das ist vielleicht ein Faktor fünf. Unser Ziel ist es, bei den Gartner-Zahlen im
Integrationsmarkt zunächst an zweiter Stelle hinter IBM zu stehen.
CZ – Was ist mit den anderen Mitbewerbern?
Kürpick – Ich weiß nicht, was Bea künftig im SOA-Umfeld
macht. Das muss man abwarten. Ich schätze, dass eher Firmen wie HP stärker in den SOA-Markt gehen.
Das sieht man an den Zukäufen von Mercury und Systinet. Aber: Die gemeinsame Kundenbasis der
Software AG mit Webmethods mit rund 4000 Unternehmen ist bei unserem fokussierten Business schon
bedeutend. Wir haben eine ganz gute Position, weil wir ganz spezifisch dieses eine Geschäft
betreiben.
CZ – Warum haben Sie gerade Webmethods übernommen?
Kürpick – Die Gründe liegen erstmal in der Komplementarität
der Produkte und bei den Heimatmärkten der Kunden. Webmethods ist stark in Amerika. Die USA ist
zwar auch unser stärkstes Land. Aber durch Webmethods spielen wir hier in einer ganz anderen Liga.
Wir haben jetzt eine Größe, mit der man in den USA anders wahrgenommen wird. Treiber für die
Übernahme war zudem das Angebot im Bereich BPM und BAM (Business Activity Monitoring) von
Webmethods. Zudem war uns die Kundenbasis – auch die, die älteren EAI-Produkte nutzen – ganz
wichtig. Wir gehen davon aus, dass sich über längere Zeit die Thematik der unternehmenskritischen
EAI (Enterprise Application Integration) in Richtung SOA weiterentwickeln wird.
CZ – Gilt nicht SOA allgemein als EAI-Nachfolger?
Kürpick – Noch sind viele SOA-Lösungen nicht ganz in der
Lage, eine extrem auf Skalierbarkeit und Robustheit ausgelegte EAI-Plattform problemlos zu
ersetzen. Fünf Neunen hinter dem Komma bei der Ausfallsicherheit ist mit SOA sehr schwer zu
realisieren. Aber in einigen Jahren sind wir dort – und dann möchten wir dabei sein, wenn
entsprechende Lösungen umgesetzt werden.
CZ – Wird der Name Webmethods verschwinden?
Kürpick – Dazu kann ich noch nicht sagen. Das müssen wir noch
analysieren. Sicher ist aber, dass das Unternehmen auch weiterhin Software AG heißen wird. Aber es
kann sein, dass der Name Webmethods in irgendeiner Form erhalten bleibt.
CZ – Zwischen den beiden Unternehmen gibt es technologische
Überlappungen, etwa im Bereich Registry/Repository.
Kürpick – Der Registry/Repository-Markt ist recht jung und
beide Technologien entwickeln sich sehr schnell weiter. Wir werden das Beste aus beiden
Produktreihen zusammenbringen. Alle Kunden, die das eine oder das andere Produkt nutzen oder jetzt
kaufen, haben nicht auf das falsche Pferd gesetzt. Denn: Es gibt einen gemeinsamen Entwicklungspfad
und später ein integriertes Gesamtprodukt.
CZ – Sind weitere Akquisitionen zu erwarten?
Kürpick – Die Übernahmen von Webmethods war ein großer
Schritt, aber das bedeutet nicht, dass nicht noch andere Schritte folgen. Von der Größenordnung –
500 Millionen Euro – wird es aber erstmal keine weiteren Übernahmen geben. Wir werden dennoch nach
interessanten Themen Ausschau halten: Der SOA-Markt entwickelt sehr schnell.
CZ – Die Software AG fährt eine Doppelstrategie: Akquise und
Community. Beißt sich das nicht, etwa im BPM-Umfeld mit den ähnlichen Produkten von Webmethods und
Fujitsu?
Kürpick – Wir sind auf jeden Fall weiter an Partnerschaften
interessiert. Die Centrasite-Community, die sich um unser SOA-Registry/Repository rankt, lebt von
möglichst vielen Partnern. Wir sehen SOA als ein Thema, bei dem es eine hohe Interoperabilität
geben muss: SOA darf nicht so enden wie Corba. Wir leben den Partnerschaftsgedanken selber: Wir
bauen unseren Software-Stack so, das er leicht in die Produkte anderer Anbieter integriert werden
kann – und die Produkte der anderen integriert. Das machen wir auch weiter so. Die Partnerschaft
über die Centrasite-Community kommt sehr gut bei den Kunden an. Aber Sie haben Recht: Es gibt im
BPM-Bereich Überlappungen zwischen Webmethods und Fujitsu. Im Sinne der Kunden müssen wir dort eine
Lösung finden. Dazu werden wir das BPM-Angebot von Fujitsu voraussichtlich eine ganze Weile weiter
führen. Parallel dazu werden wir die Werkzeuge von Webmethods in unser Portfolio einbinden.
Übrigens ist die Überlappung von Fujitsu und Webmethods nichts Neues. Wir haben sie bereits in der
Centrasite-Community – und können dort gut mit ihr leben.
CZ – Behält die Community ihren Stellenwert?
Kürpick – Die Centrasite-Community ist eines der wichtigsten
Elemente unserer Strategie überhaupt. Ich habe bislang noch von keinem Partner ein negatives
Statement gehört. Im Gegenteil: Im Kontext dieser Akquise wird Centrasite noch wichtiger und
gewichtiger. Dadurch entstehen für die Centrasite-Partner neue Möglichkeiten in einem größer
gewordenen Markt. Die Centrasite-Community ist übrigens keine virtuelle Erweiterung des
Produktportfolios der Software AG. Mit Hilfe der Community bekommen die Kunden eine durchgehende
SOA-Infrastruktur von der Modellierung bis hin zur Ausführung. Unser Ziel ist, das die
Centrasite-Community im Registry/Repository-Bereich dieselbe Rolle spielt, wie Eclipse im
Entwicklungsumfeld.
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